Das Kroquis.

Manöver-Humoreske von Teo von Torn.
in: „Leipziger Tageblatt” vom 29.08.1901,
in: „Agramer Zeitung” vom 31.08.1901,
in: „Mährisches Tagblatt” vom 31.08.1901,
in: „Badische Presse, Unterhaltungsblatt” vom 04.09.1901,
in: „Budweiser Zeitung” vom 17.09.1901,
in: „Badener Zeitung” vom 18.09.1901,
in: „Düna-Zeitung” vom 03.10.1901,
in: „New Orleans Deutsche Zeitung” vom 22.09.1901


Die vielen Fähigkeiten, die auf dem Markte zu Richmond ausgeboten werden, sind ein Pappenstil gegen das, was heutzutage von einem preußischen Officier verlangt wird. Abgesehen von der Pflege aller nur denkbaren männlichen Tugenden, hat er Philosoph zu sein und Athlet, Pädagoge und Parterregymnastiker, Gelehrter, Schriftsteller und Dresseur — und zwar Alles gründlich, sonst wird er angehaucht und er kann um die ersten Sterne auf seinen Achselstücken länger dienen, als Jakob um seine Rahel.

Aber das ginge noch. Der Mensch kann viel, wenn er will, und noch mehr, wenn er muß. Nur — die Kunst! Die Kunst ist eine spröde Göttin. Nur bei Wenigen hat sie an der Wiege gestanden, und von diesen Wenigen sind es wiederum nur Wenige, denen sie wirklich was in die Wiege gelegt. Deshalb ist es schwer, ein Künstler zu werden — selbst wenn es das Dienstreglement vorschreibt und die Vorgesetzten es befehlen.

In dieser schwierigen Klemme zwischen Können und Müssen befand sich Leutnant von Hertell jedes Mal, wenn es darauf ankam, eine Zeichnung anzufertigen. Schon auf der Schule hatte er seinen Zeichenlehrer durch secessionistische Gebilde von grotesker Phantastik überrascht, und auf Kriegsschule lieferte er Karten, die dort noch heute pietätvoll aufbewahrt und gelegentlich zur allgemeinen Unterhaltung hervorgezogen werden — etwa wie die bekannten Vexirbilder „Wo ist die Katz'?” und dergleichen.

Sonst ein ganz tüchtiger Officier, war er ein Unglückswurm, wenn er den Buntstift oder die Zeichenfeder zur Hand nehmen mußte, um, wie das nicht selten verlangt wird, eine militärische Aufgabe zu illustriren. Dienstlich nannte man so was ein Kroquis — Leutnant von Hertell nannte es eine verfluchte Geschichte . . . .

Es war im Manöver. Die Hauptschlachten waren geschlagen, und eine Reihe kleiner Experimente bildete sozusagen die Fermate der großen Action. Bei einigen Truppentheilen führten die in Königlichen Dienst gestellten Töff-Töffs noch immer Krieg mit den Chausseebäumen und vorwitzigem Federvieh; bei anderen wiederum wuder Luft geschifft, neues Pontonmaterial probirt und was dergleichen unterhaltsame Dinge mehr sind.

Das erste Bataillon, in deren erster Compagnie Leutnant von Hertell als Zugführer marschirte, hatte zu guterletzt noch eine ganz eigene Aufgabe bekommen. Es lagerte in einem Oertchen, das von einem merkwürdig vielgestaltigen, strategisch recht schwierigen Gelände umgeben war. Es hatten sich hier mehrere Unfälle ereignet. Der Herr General von Klingsheim wäre beinahe hops gegangen über einen breiten Graben, der auf der Generalstabskarte nicht verzeichnet war und den die Bauern heimtückischer Weise ausgerechnet zu dem Zwecke gezogen haben mußten, damit Seine Excellenz der Herr commandirende General sich sehr, „aber auch seeeehr” wundere, daß der Herr Brigadecommandeur von der Existenz dieses Grabens keine Ahnung hatte. Wo in der Karte ausgedehnte Torfmoore eingezeichnet waren, wehte der Wind über die Stoppeln, und ein ausgedehntes Buchengehölz, das nach der Spezialidee von unserem Bataillon hätte besetzt werden sollen, wurde bis zur Stunde vermißt.

So hatte denn das Bataillon — theils zur Strafe, theils zum Nutzen des Vaterlandes, theils auch, weil es sonst nichts Anderes zu thun hatte — die Aufgabe bekommen, die Gegend zu exploriren. Die Sache war an sich nicht sonderlich aufregend, und man explorirte munter dem Tage entgegen, an dem man wieder in die heimathliche Garnison abrücken durfte.

Aber der Mensch denkt, und Seine Excellenz, der Herr commandirende General, lenkt. Eines Tages schwirrte in Begleitung des Herrn Oberst und des persönlichen Adjutanten Seiner Excellenz der junge zweitgeborene Prinz eines kleinen süddeutschen Staates an.

Seine Hoheit standen à la suite des Regiments und pflegten, in Folge anderweitiger dringender Geschäfte, sich nur bei besonderen repräsentativen Gelegenheiten einzufinden. Was ihn diesmal bewogen, dem Schlußacte des Manövers — und zwar nicht im großen Stabe, sondern bei der Truppe selbst — beizuwohnen, das war eine jener Ueberraschungen, die zu den intimsten Reizen des militärischen Lebens zählen.

Und was die Hauptsache ist, die Sache sollte ernst werden. Der Adjutant überbrachte ein Handschreiben des Herrn commandirenden Generals, nach dem ein Nachtgefecht zwischen dem ersten und dem in der Nähe lagernden zweiten Bataillon stattfinden sollte. Excellenz schien sich sehr viel davon zu versprechen, da er gleichzeitig die Absicht äußerte, dem militärischen Schaspiel beizuwohnen.

Das war nun sehr ehrenvoll, hatte aber auch seine unangenehmen Seiten. Wenn man denkt, daß man bald nach Hause gehen kann und muß dann in den Krieg, so ist das an sich schon störend. Um wie viel mehr aber, wenn man, wie die beiden hier in Frage kommenden Herren Bataillonscommandeure, bereits in dem unendlich beruhigenden Gefühl gelebt, alle gefährlichen Klippen der großen Manöver diesmal wieder glücklich umschifft zu haben. Und nun eine solche „Kiste” unter den drei scharfen Augen Seiner Excellenz! Major von Katz von dem ersten und Major Bandholdt vom zweiten Bataillon waren übereinstimmend der Meinung, daß es besser sei, in Timbuktu Hunde zu flöhen, als nun wieder mit einem Beine im Cylinder zu balanciren — eine Sache, die selbst den abgehärtetsten indischen Fakir aufregen würde.

Aber da half kein Maulspitzen, es mußte gepfiffen werden. Der Tag kam heran — und auf diesen Tag folgte die Nacht, da das erste Bataillon ausrückte, um das zweite Bataillon aufzustöbern und zu vernichten. Es galt einen Marsch von mehreren Meilen. Und wo Excellenz eigentlich sich aufhielt, wußte kein Mensch — sicher war nur, daß er da war. Also tappte man im doppelten Sinne im Dunkeln; und wenn Falstaff sagt: „Ich wollte, es wäre Schlafenszeit, Heinz, und Alles gut,” so wünschte Major von Katz Aehnliches, nur mit dem Unterschiede, daß er den Tag herbeisehnte und mit ihm Klarheit darüber, ob er nicht mehr auf den Hut bekommen würde, als er vertragen konnte.

Er war nämlich „der Erste daran”. Auf besonderen Befehl hatte Seine Hoheit der Prinz die Führung der ersten Compagnie übernommen, und in Consequenz dessen hatte der Major dem Fürstensohne die Tete und im Rahmen der Generalidee auch volle Dispositionsfreiheit überlassen. Das war ihm, wie man so sagt, unter den Fuß gegeben worden. Der Major hielt sich bei seiner zweiten Compagnie und betete alle halbe Stunde: Wie Gott will, ich halt' still.

Die Einzelheiten der nächtlichen Schlacht hier aufzuführen, würde über den Rahmen dieser kleinen Geschichte hinausgehen. Es ist Alles gesagt, wenn gesagt wird: Es war fürchterlich. Als man auf Excellenz stieß, waren es genau zwei Stunden, daß die erste Compagnie überhaupt gänzlich abhanden gekommen war. Das nächste Polizeibureau war weit — und ausklingeln ließ sich eine Compagnie doch schließlich auch nicht. Ergo blieb dem unglücklichen Bataillonscommandeur nichts weiter übrig, als die häufigen und immer verwunderter klingenden Fragen Seiner Excellenz: „Herr Major, wo ist Ihre erste Compagnie?” nur mit einigen vielsagenden unartikulirten Lauten zu beantworten. Bei Seite aber rang er die Hände und flehte: „Hoheit, Hoheit, redde mihi legiones!”

Die Karre war vollständig verfahren und das Ende der Tragicomödie gar nicht abzusehen. Eben fragte Excellenz wieder: „Herr Major, wo ist Ihre erste Compagnie?”, als dem Blut und Oel schwitzenden Bataillonscommandeur ein dringendes Schreiben überbracht wurde. Beim Scheine einer ad hoc angezündeten Stalllaterne überflog er den Inhalt, und der mußte schrecklich sein. Seinen Händen entglitt das Papier, und er machte Miene, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen, seine Uniform irgendwo auf- und sich daneben zu hängen. Aber die Stimme des Gewaltigen weckte ihn aus seinen verzweifelten Wünschen, zu der noch verzweifelteren Wirklichkeit.

„Ich nehme an, daß es sich um eine dienstliche Meldung handelt, Herr Major — darf ich von derselben Kenntniß nehmen?”

„Excellenz, es — es ist wohl eigentlich mehr privat. Herr Major Bandholdt — —”

„Herr Major von Katz, ” erwiderte Excellenz mit einer Deutlichkeit der Aussprache, die durch Mark und Bein ging, „ich will nicht annehmen, daß Sie in einer Situation wie diese Skatverabredungen treffen. Also — —”

Kaum aber hatte der commandirende General von dem Inhalte des Zettels Kenntniß genommen, als er sein Taschentuch zog, mehrere Male heftig in dasselbe hineinhustete, dann sein Pferd wandte und in einem befremdlichen Tempo davonritt. — Der Zettel aber besagte Folgendes:

„Lieber Herr Kamerad! Schon zum vierten Male habe ich den Prinzen mit Ihrer ersten Compagnie angetroffen. Augenblicklich befindet er sich auf oder richtiger in den Moorwiesen von Klein-Müchow, und er scheint sich da häuslich niederlassen zu wollen. Wenn Sie Hoheit nicht schleunigst entsetzen und dann an die Kette legen, so wird mir schließlich doch nichts übrig bleiben, als ihn gefangen zu nehmen — und dann werden wir Beide in die Wurst gehackt. Gruß Bandholdt.”

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Die Kritik, die Seine Excellenz am Rendezvous-Platze abhielt, war ein kunstvolles Gemisch von Gnade und kaustischem Humor. Von Zeit zu Zeit überflog ein Lächeln der Erinnerung seine sonst so ernst gefalteten Züge — namentlich wenn ein Blick durch das blitzende Monocle den ahnungslosen Major Bandholdt streifte.

„Und was Eure Hoheit betrifft,” bemerkte schließlich der General, indem er die Hand für den Bruchtheil einer Secunde an den Helm führte, „so möchte ich nicht eher mein Urtheil abgeben, als bis mir Eure Hoheit die Karte vorgelegt haben, nach der Sie sich mit Ihrer Truppe im Gelände bewegten.”

Eilig nestelte der Prinz aus seinem Aermelaufschlag ein Papier und überreichte es dem General mit den verlegen gestammelten Worten:

„Excellenz, da meine Karte stellenweise versagte, hatte Herr — Herr Leutnant von Hertell die Güte, mir auf meine Bitte sein Spezialkroquis zu überlassen — —”

Der General hatte kaum einen Blick auf das Papier geworfen, als er wiederum sein Taschentuch zog, um einen starken Hustenanfall zu bekämpfen. Dann aber wurde er ernst, und wieder hob er die Hand für den Bruchtheil einer Secunde an seinen Helm.

„Dann allerdings, Hoheit, ist mir die Escapade Ihrer Compagnie vollkommen verständlich. Nach einer Karte, die — hm — das südliche Hindostan darzustellen scheint — oder haben Sie vielleicht eine topographische Aufnahme der Marscanäle versucht, Herr Leutnant von Hertell — nach einer solchen Karte mußten Hoheit Ihre Truppen in die Binsen führen. Und damit wollen wir die Sache auf sich beruhen lassen — — wir haben eben mal gespaßt. Ich danke Ihnen, meine Herren!”

Das Kroquis des Leutnants von Hertell hatte die Situation und damit auch noch Manchen Anderen gerettet, der sich im Geiste schon nach einer anständigen Civilbeschäftigung umgesehen hatte — und es war nur gerecht, daß er für seine Zeichnung von dem herzoglichen Hause, dem der Prinz angehörte, einen Orden bekam.

Hoheit hatte nämlich den geknickten Zeichenkünstler gleich nach der Affäre bei Seite, und zwar auf die Sectseite, genommen und ihm gesagt:

„Nun machen Sie aber nicht so'n Thraneklüterigen(*), Hertell! Ich glaube nämlich — bei meinen Talenten hätte ich die Müchower Moorwiesen auch ohne Ihr Kroquis gefunden . . .”

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(*) Fußnote:

so im Leipziger Tageblatt,
in der Agramer Zeitung: so ein Gesicht,
im Mährischen Tagblatt: so 'ne Jammermiene,
in der Badischen Presse: so'n Thraneklüterigen,
in der Badener Zeitung: so'n saures Gesicht,
in der Düna-Zeitung: so'n Thraneklüterigen

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